Kontakt   Login   Inhaltsverzeichnis   Druckansicht  

Wilhelm-Bölsche-Schule

Sie sind hier: Startseite > Blog > Schuljahr 2014/15 > Der rote Fineliner - 16.12.2014

Der rote Fineliner - 16.12.2014

Guten Tag liebe Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Stifte,
ich möchte euch gerne meine Geschichte erzählen. Sie geht um mich und ich bin ein roter Fineliner, so einer, wie ihn jede Lehrerin oder jeder Lehrer verwendet… Naja, ich gehörte zu ihnen, aber ich erzähle euch lieber alles von Anfang an.

Das Erste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mit meinen Brüdern und Schwestern verpackt zu einem Laden transportiert wurde. Es war für mich eine sehr aufregende und lustige Fahrt, da wir alle wissen wollten, wo es hingeht und wir uns kennenlernen konnten. Im Laden angekommen wurden wir ausgepackt und in ein Extra-Fach nur für uns, in einem Regal, für die Kunden bereitgelegt. In den anderen Fächern gab es noch andere Stifte mit anderen Farben, die uns begrüßten. Wir wurden alle schnell Freunde, doch die Buntstifte im Regal gegenüber konnte niemand so recht leiden und wir machten uns alle über sie lustig, selbstverständlich aber nicht über die roten. Bei solchen Dingen muss man schon zu seiner Farbe stehen und Solidarität zu den anderen roten Stiften zeigen.

Dann kam endlich der Tag, wo ich auf meinen Meister traf, damals wusste ich noch nicht, dass er Lehrer war. Er nahm zielgerichtet mich, nahm mir die Kappe ab und testete meine Qualitäten auf einem kleinen Block. Er kritzelte ein paar Kringel und Sterne auf das Papier und befand mich für gut genug, um ihm zu dienen. Das war auch selbstverständlich, denn kein anderer Stift hätte sich so viel Mühe gegeben wie ich, doch es war ungewohnt ohne meine Kappe, so kalt an der Mine irgendwie. Als er mir die Kappe wieder aufsetzte und mit mir zur Kasse eilte und noch einer Packung, in der zwei Tintenkiller wohnten, konnte ich noch gerade so, „Lebt wohl, ihr Lieben!", zum Abschied rufen. Es war schwer meine Freunde und Geschwister zu verlassen, über diesen Verlust bin ich nie ganz hinweg gekommen.

Endlich kamen wir beim Meister Zuhause an, doch ich und die Tintenkiller wurden nicht gleich ausgepackt. Das Warten war sehr langweilig, da die beiden Tintenkiller mich nicht durch ihre Verpackung hören konnten, doch plötzlich wurde meine Ruhe durch gequälte Schreie gestört. Die Stimme schrie: „Warum willst du mich nicht mehr haben?! Wieso?! Wir hatten doch so viel Spaß beim Einträge Schreiben und Korrigieren! Weißt du das nicht mehr?! Tue das bitte niii..." Die Stimme wurde unterbrochen von dem Geräusch eines zufallenden Deckels, es war gut zu hören, da es ganz in der Nähe von mir geschah. Heute weiß ich natürlich, von was es der Deckel war oder besser gesagt immer noch ist. Ich hatte damals nicht so viel Zeit mir Gedanken darüber zu machen, weil mich der Meister gleich zum Einsatz holte und sich mit mir zu seinem Schreibtisch begab. Er nahm mir meine Kappe ab und begann Häkchen und Fehlerzeichen zu setzen. Erst verstand ich nicht warum, aber dann erkannte ich, dass jemand Fragen beantwortet hatte und er bewertete, ob diese Antworten richtig sind und dabei machte er nie einen Fehler. Oh, mein Meister ist ja so schlau, bestimmt gibt es niemand anderen, der schlauer ist als er. Ich bewunderte ihn in diesen Moment so sehr, weil ich auf niemanden bisher getroffen bin, der so klug war wie er ist.

Nach einer Weile war das Werk vollendet und ich konnte mich ausruhen. Es war anstrengend gewesen die ganzen Zeichen zu setzen, anscheinend war das Gekritzel im Laden ein Test gewesen, ob ich diesen hohen Belastungen standhalte und ich musste ihn perfekt bestanden haben, ansonsten hätte er mich niemals ausgewählt für diese schwere Arbeit, die auch irgendwie Spaß machte. Er legte mich in eine Federtasche, die zu mir freundlich beim Einstieg, „Willkommen! Willkommen Neuling!", sagte. Auch von den anderen Bewohnern der Federtasche wurden ich und die Tintenkiller freundlich begrüßt, diese waren ein alter Füller, zwei spitze Bleistifte, ein Anspitzer und ein Radiergummi. Kurz nach der Begrüßung gab es schon einen heftigen Streit zwischen den Bleistiften und dem Radiergummi, weil er ständig ihre Fehler beseitigen musste und somit an Volumen verlor, doch als der Anspitzer schlichten wollte, geriet auch er mit hinein, weil er wiederum die Bleistifte spitz macht und sie dadurch auch kleiner werden, sie argumentierten damit, dass es ihnen nicht wichtig war spitz zu sein. Ich konnte nicht verstehen, was so schlimm daran ist kleiner zu werden, also mich hätte das nicht gestört.

In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen, weil ich meine Brüder und Schwestern vermisste und über diese merkwürdigen Schreie nachdenken musste. Da anscheinend auch der Füller nicht schlafen konnte, sprach ich ihn an und erzählte ihm von meinem Tag und fragte ihn, wer und warum vorhin geschrien hatte, doch ich bekam keine richtige Antwort, sondern er sagte nur: „Eines Tages, wenn du alt genug dafür bist, werde ich dir es erzählen. Ich möchte nicht, dass du für den Rest deines Lebens Angst hast und traurig bist.“ Doch was hätte das sein können? Was hätte so schrecklich sein können, dass ich meinen Lebtag nicht mehr froh geworden wäre? Dies schoss mir immer wieder durch den Kopf eine Zeit lang, aber es geriet mit der Zeit in Vergessenheit, weil es aufregendere Dinge gab, wie zum Beispiel meinen ersten Arbeitstag in der Schule.

Ich wusste schon zu Beginn dieses Tages, dass er etwas ganz Besonderes sein würde, weil der Meister uns samt Federtasche in seinen Rucksack packte. Er nahm uns mit an seinen Hauptarbeitsplatz, die Schule, wo er vielen Schülerinnen und Schüler an seiner Weisheit teilhaben ließ. Es war immer wieder erstaunlich, wie er ihnen sein Wissen vermittelte und verständnisvoll auf sie einging, doch einige interessierte es gar nicht, was der Meister ihnen versuchte beizubringen und störten den Unterricht. Er ließ diese Schüler ihre komischen Hefte, in die sie immer Hausaufgaben und andere Dinge eintragen mussten, vorlegen, dann nahm er mir wieder mal die Kappe ab, aber nun ließ er mich einen Tanz von Buchstaben tanzen darin, es entstand ein deutlich lesbarer Text und dann ließ er mich noch seine Unterschrift tanzen, die eindeutig der schwierigste Tanz von allen war, weil ich sie so schnell tanzen musste, dass mir schwindelig wurde und ich beinahe das Bewusstsein verloren hätte. Die Texte, die ich sehr oft tanzen musste mit der Zeit, stellten eindeutig Botschaften an die Eltern der Störenfriede dar, in denen zu lesen war, dass diese die Unterrichtungen gestört haben, die ihnen mein Meister und andere Personen geben sollten. Es war auch richtig so, dass die Eltern wissen, was ihre Kinder anstellen und sie bestrafen, weil sie meinen Meister missachtet haben. Ich mochte es nie, wenn sie es taten und wurde meist sehr traurig und wütend darüber, besonders weil ich dann immer so viel arbeiten musste.

Doch was waren eigentlich Eltern? Haben Stifte Eltern? Und wenn ja, warum kenne ich sie nicht und warum kann ich mich nicht an sie erinnern? Ich habe nie Antworten auf diese Fragen gefunden. Also, falls es dort draußen einen Stift gibt, der das weiß, soll sich bitte bei mir melden, bevor ich nicht mehr da bin.

Mit der Zeit fühlte ich mich immer leichter, so als ob etwas aus mir verschwinden würde, doch ich dachte es läge daran, dass ich so viel tanzen und arbeiten musste für den Meister und dadurch Stiftmuskeln aufbauen oder dünner werden würde. Ich überprüfte ständig, ob meine Vermutung richtig seien, aber ich konnte nicht mehr Muskeln oder andere Veränderungen an mir finden. Da ich so viel für den Meister tun musste, konnte ich mir nicht so viele Gedanken über solche Dinge machen und war am Abend viel zu erschöpft, um mich mit den anderen zu beraten. Diese Gefühle verschwanden auch nicht, sondern wurden nur noch schlimmer. Als ich dann endlich an einem Tag frei bekam, fühlte ich mich schlapp und schwach, allerdings freute ich mich darüber, dass ich mich mit meinen Kammeraden seit langem wieder unterhalten konnte. Leider sahen sie auch nicht besonders fröhlich aus und einige hatten sich sehr verändert, der Radiergummi sah sehr abgenutzt aus und die Bleistifte waren nur noch halb so groß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Natürlich fragte ich sie, was los sei, doch der Radiergummi und die Bleistifte verzogen sich bloß und murmelten noch etwas davon, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Da ich bemerkte, dass der eine Tintenkiller genau so erschöpft aussah wie ich, schleppte ich mich zu ihm herüber und eigentlich hätte mir ein Schauer durch die Miene fahren müssen, aber ich war zu schwach, als er zu mir sagte: „Fühlst du dich auch leer und trocken? Tanzt du auch nicht mehr so schön wie früher? Also ich schon. Ich kann nicht mehr so gut korrigieren und bin so schlapp, dass ich mich fast nicht mehr bewegen kann.“ Aber Antworten konnte ich ihm darauf nicht mehr, da der Meister ihn aus der Federtasche fischte und wollte, dass er arbeitet, doch er war zu erschöpft und war dazu eigentlich nicht mehr in der Lage. Sah der Meister nicht, dass er nicht mehr arbeiten konnte? Wieso konnte er nicht mal den anderen Tintenkiller nehmen und ihm eine Pause gönnen? Ich verstand es beim besten Willen nicht. Als nächstes hörte ich nur ein leises Wimmern und wieder dieses zuklappende Geräusch wie damals, als ich beim Meister zu Hause ankam.

„Deine Zeit ist auch bald gekommen“, sagte der Füller. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er herüber gekommen war. „Wie bitte?“, fragte ich nach, doch er sprach einfach weiter. „Nun kann ich dir sagen, was mit dir geschehen wird. Dir wird das Gleiche passieren wie ihm und deinen Vorgänger. Nun bist du alt genug, um es zu wissen. Du wirst bald vollkommen leer sein. Das bedeutet, in dir ist dann keine Farbe mehr und du wirst nie wieder tanzen können.“ Als ich das hörte, habe ich ihm nicht geglaubt, obwohl ich eigentlich schon den Beweis dafür hatte. Wie hätte ich ihm auch glauben können? Ich wollte wenigstens die Illusion haben, dass für mich ein bisschen Hoffnung bestände, dass ich einfach nur irgendwie krank war und mich wieder erholen würde. Doch natürlich sollte er Recht behalten. Ein paar Tage später war es dann so weit. Mein letzter Arbeitstag begann. Bis zum Ende des Tages hielt ich mich wacker, doch dann geschah es. Ich tanzte ein letztes Mal und die Linien, die ich zog, wurden immer dünner, bis der letzten Tropfen Farbe aus meiner Mine kam. Ich war leer. Der Meister nahm mich und meine Kappe, ging zielgerichtet zum Mülleimer, öffnete den Deckel, warf mich hinein und wieder hörte ich das Zufallen des Deckels. Dabei brachte ich keinen Ton heraus, da ich nicht so jämmerlich Rumschreien wollte wie mein Vorgänger.

Und das war sie, meine Geschichte. Nun liege ich hier im Müll, ohne meine Kappe auf dem Kopf. Es ist so kalt an der Mine ohne sie. Wie grausam vom Meister mir meine Kappe nicht aufzusetzen. Sonst hatte er sie mir immer liebevoll aufgesetzt und es nie vergessen. Wirklich nie. Was geschieht hier?! Der ganze Müllbeulte bewegt sich! Wohin wird er getragen? Hää? Wieso geht es nach draußen? Eine Klappe öffnet sich und der Müllbeutel wird hineingeworfen und die Klappe fällt zu. Ich glaube, nun gibt es nicht mehr viel zu sagen. Was nun geschieht, weiß ich nicht, aber ich glaube, das wollt ihr lieber nicht wissen.

Ich wünsche allen Stiften dort draußen und euch frohe Weihnachten!

von Leonie Bökert

Seitenanfang