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Wilhelm-Bölsche-Schule

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Kevin die Taube - 22.02.2015

Lautes Gekreische und Gelächter riss mich aus meinem Schlaf. Für einem kurzen Moment glaubte ich, die alte Krähe von nebenan hätte mal wieder nichts Besseres zu tun, als ihren fast schon tauben Mann herumzukommandieren. Als das Geschrei jedoch nicht aufhören wollte, sondern eher noch lauter wurde, öffnete ich stöhnend die Augen. Schlaftrunken sah ich mich um und bemerkte, dass der Baum nebenan leer war, aber wo kamen dann die vielen Stimmen her? „Bohr, nicht schon wieder. Müssen die denn wirklich jeden Tag so ein Lärm machen?", sagte auf einmal eine bekannte Stimme neben mir. Mein Blick wich zu meinem besten Freund Kurt, der seinen Kopf nach unten hängen ließ und irgendetwas mit zusammengekniffenen Augen betrachtete. Ich machte meinem Freund die Geste nach und...Oh nein. Unter uns standen viele kleine Gruppen von Menschenkindern. Sie lachten, redeten, spielten mit komischen, aufleuchtenden Geräten oder standen einfach allein herum und zogen ein Gesicht, was mich an Kurt erinnerte, wenn eine Krähe ihm ein Stück Brot geklaut hatte.

Ach ja, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Kevin. Kevin die Taube. Ursprünglich komme ich aus London, da wurde es mir nach einer Weile aber zu kalt. Eigentlich wollte ich in die Karibik oder nach Italien ausfliegen, aber irgendwie bin ich vom Kurs abgekommen und ja...jetzt bin ich hier.

Ein komisches klingelartiges Geräusch ließ mich so stark erschrocken zusammenfahren, dass ich beinah von unserem Baum gefallen wäre. Augenblicklich wurde der Hof leerer, weil sich alle Menschen wie verrückt in das komisch aussehende weiße Gebäude quetschten, bis nur noch einzelne Personen auf dem Hof standen. Wir warteten, bis auch der letzte Kandidat seinen Artgenossen in das Gebäude gefolgt war und machten uns fast zeitgleich mit einem weiteren Klingeln auf den Weg. Wir glitten durch die Luft, den Kopf immer nach unten haltend auf der Suche nach unserem Frühstück.

Das war gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Da wir die einzigen Tauben in dieser Gegend waren und außer uns nur noch hinterhältige Krähen hier lebten. Da Kurt und ich aber zu faul waren, um zu der großen Straße mit dem komischen sich nie bewegenden Typen zu fliegen (wo wir sicher auch auf anderen Tauben gestoßen wären), blieben wir hier auf „unserem" Gebiet und suchten jede Ecke nach etwas Essbarem.

Plötzlich machte mich Kurt auf eine Person unter uns aufmerksam. Sie sah ganz schön gehetzt aus und kam gerade durch das grüne Tor. Aber das beste befand sich in seiner Hand, ein rundes, kleines Brot-artiges Gebäck. Fast, als hätte er unsere knurrenden Magen gehört, warf er das kleine Brot achtlos in eine Ecke und verschwand ebenfalls in das Gebäude.

Fast schon im Sturzflug flogen wir herunter und stürzten uns gierig auf das Brot. Nachdem wir auch den letzten Krümel verschlugen hatten, liefen wir gemütlich über den Hof, als uns ein erneutes Klingeln zusammenfahren ließ. Wie auf Kommando kamen all die Menschen, die sich heute Morgen noch ins Gebäude reingequetscht hatten, nun wieder raus. Sie verteilten sich wieder auf dem ganzen Gelände in unterschiedlich großen Gruppen, und gleichzeitig wie das Gelächter, Gerede und herum Getue startete, hatte auf einmal fast jeder wieder dieses komische leuchtende Gerät, was mir heute morgen schon aufgefallen war, in der Hand.

Kurt und Ich näherten uns gerade einer kleinen Gruppe die immer wieder achtlos Nahrung auf den Boden fallen ließ, als auf einmal ein etwas kleinerer Mensch auf uns zu gerannt kam. Mein Herzschlag beschleunigte sich plötzlich fast auf das Doppelte, aus purem Reflex fing ich an, wie wild mit dem Flügen zu schlagen und kein Augenblick später war ich auch schon in luftiger Höhe, so dass der Kleine nicht mehr an uns ran kam. Panisch flogen Kurt und ich zu einem nahestehenden Baum und beobachteten mit noch immer rasendem Herzen, wie der Kleine in schallendes Gelächter ausbrach. „Was ging denn bei dem nicht?", fragte mich ein entsetzter Kurt. Ich zuckte mit dem Schultern, „Vielleicht kann er mit niemanden anderen Fange spielen.", sagte ich nachdenklich und bemerkte, dass die etwas Größeren seiner Artgenossen mit ihren Köpfen schüttelten, sich aber nicht weiter über den noch immer lachenden Menschen kümmerten.

Wir warteten aus sicherer Entfernung, bis die Menschen wieder verschwunden waren und Kurt schlug vor, dass wir auch mal auf die Rückseite des Gebäudes fliegen könnten. Gesagt getan. Ein helles Leuchten aus den durchsichtigen Wänden an der Rückseite ließ uns neugierig werden. Also beschlossen wir kurzer Hand, uns auf dem großen Baum vor den Wänden zu setzen und die darin sitzenden Menschenkinder zu beobachten. Eine kurze Zeit blieben wir unbemerkt, bis plötzlich ein Menschenkind zu uns zeigte und sagte: „Ohh, guckt mal, zwei Vögel."- „Das sind Tauben, du Dummkopf!", sagte ein anderer Mensch und schon einen Moment später hatten wir die ganze Aufmerksamkeit der Menschenkinder und der am ältesten aussehende Mensch wurde einfach ignoriert. „Komm, lass uns fliegen, ich fühle mich irgendwie beobachtet.", flüsterte Kurt und war auch schon verschwunden. Ich winkte den noch immer an den durchsichtigen Wänden stehenden Menschen zu, bevor auch ich davonflog.

Ein weiterer Rundflug und zwei Nickerchen später wurde ich (mal wieder) von der Klingel geweckt. Diesmal dauerte es ein bisschen, aber schließlich tauchten die Menschenkinder doch auf. Jedoch blieben sie nicht, wie eigentlich gedacht, auf dem Hof stehen oder liefen zu den anderen etwas älteren Gebäude, sondern rannten schon fast aus dem Tor heraus und verschwanden aus unserem Blickwinkel. Die Menschen, die es anscheinend nicht so eilig hatten, schlenderten gemütlich aus dem Tor, umarmten noch ein paar andere Menschen oder fuhren gemütlich auf hartaussehenden Geräten neben den laufenden Menschen her. Ich wechselte einen verwirrten Blick mit Kurt und war nach so einem aufregenden Tag einfach nur froh, Kevin die Taube zu sein.

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